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24.11.06

Prof. Dr. Ben Bachmair
Universität Kassel

Kommentar zum Amoklauf in einer Realschule in Emsdetten am 20. November 2006

Ein Amok laufender junger Mann, der tödliche Gewalt in eine Schule trägt, macht mich im Moment vor allem ratlos. Ich kann als Pädagoge, der sich berufsmäßig mit Medienerziehung und Mediensozialisation beschäftig, keine schnell umsetzbaren praktische Ratschläge dazu formulieren. Möglich ist mir jedoch, Überlegungen zur Entwicklung unserer Medienkultur zu machen, was ich mit einem empathischen Versuch beginne, mich an das Leben des so schrecklich gescheiterten jungen Mannes anzunähern.

Von diesem jungen Mann stehen mir zwei Fotos aus der Ausgabe der Münchner Boulevard-Zeitung Abendzeitung vom vergangenen Dienstag (22.11.06, S. 32) vor Augen, eines in Militärverkleidung mit einer schussbereiten Waffe. Das zweite zeigt das Gesicht eines unauffälligen 18Jährigen. Mich lässt dabei die Frage nicht los, was in den vergangenen 12 Jahren in und mit diesem jungen Menschen passiert ist, seit er mit der Schule begann. Der erste Schultag ist eine Zäsur auf dem Weg in die Welt und zum eigenen Leben. Ich stelle mir einen kleinen Jungen vor, wie er sich mit großer Erwartung mit seiner Schultüte an diesem ersten Schultag für das Familienalbum ablichten lässt. 12 Jahre später stürmt er im Wahn des Kämpfers oder Killers oder Rächers eine Schule. Die Entwicklung in diesen Jahren, so vermute ich, wird sich bei einer genauen Analyse als Entwicklung in eine psychische Krankheit herausstellen. Wahrscheinlich vermengt sich diese Erkrankung mit der Bilderwelt unserer Kultur, die ihre spezifischen Bilder der Gewalt anbietet.

Kinder in der Bilderkultur

An dieser Stelle möchte ich den Blick weg von einem kranken Jugendlichen und seiner individuellen Bilder-Wahnwelt auf die Kinder richten, die nicht gefährdet sind, ihre Themen, Ängste und Wünsche mit Waffen auszuagieren. Ich stelle mir dabei die Frage, wie sie ihre Themen, Ängste und Wünsche mit den Angeboten unserer Bilderkultur verbinden und vielleicht damit auch ausdrücken oder ausagieren. Mir ist dabei klar, dass jede Gesellschaft ihre Themen nicht nur rational, sondern auch mit grotesken bis wahnhaften Bildern fassbar zu machen versucht. Das reicht von kinderfressenden Hexen der Märchen über Goyas Bilder der Kriegsgewalt bis zu den gewaltstrotzenden Mythen und Tragödien der griechischen Antike. Solche medialen Darstellungsformen wurden über lange Gestaltungsprozesse von den Kulturen meist so zurecht geschliffen, dass mögliche Verknüpfungen mit individuellen Wahnphantasien eher unwahrscheinlich sind.

Gilt das auch für unsere Bilderkultur, die Fernsehen, Film, Video, Internet oder ganz aktuell die Displays der Handys in die Lebenswelt unseren Kinder tragen? Ein spezifisches Moment unsere Bilderkultur sind heute z.B. Gewaltspiele, bei denen das subjektive Auge des Kämpfers der Ego-Shooter-Spiele statt über Kimme und Korn jetzt über die Kamera auf den abzuschießenden Gegner gerichtet ist. Die traditionelle Filmdarstellung der Gewalt ging von einer zumeist eher beobachtenden Kamera aus, bei der ein Zuschauer letztlich doch vor allem Zuschauer bleibt. Eine auf Individualisierung und subjektives Erleben ausgerichtete Kultur wie die unsere bekommt mit dem Blick des Ego-Shooters durch Kimme und Korn der Kamera den subjektiven Blick des persönlichen Kamera-Auges auf das zu jagende bewegte Objekt, wobei fiktive Bilder von Mensch zu Jagdobjekten werden.

Nicht nur in einer Schule im nordhessischen Melsungen erhalten diese Ego-Shooter auch noch das Aussehen der persönlichen Lebenswelt, indem Schüler als Software-Experten die eigene Schule zum Szenario der Menschenjagd ihres dann wirklich individuell angepassten Ego-Shooters machen.

Schon vor etwa 10 Jahren habe ich in einem medienpädagogisch bewusst und kompetent geleiteten Projekt zu Computerspielen solche personalisierten Ego-Shooter-Szenarien gesehen. Mir war ganz und gar nicht wohl bei diesen Software-Produkten. Zum einen weiß ich, dass Medienerlebnisse individuell und persönlich zur Sprache kommen müssen und dass dazu auch grenzwertige Darstellungsformen nicht von vornherein ausgeschlossen sein dürfen. Zum anderen fürchte ich jedoch auch die Sog- und Deutungskraft von Bildern der Gewalt und hoffe nicht, sie haben die Kapazität, Themen, Ängste und Wünsche von Kindern und Jugendlichen zu überlagern oder sich an Wirklichkeitserfahren und Wirklichkeitsdeutungen der Kinder oder Jugendlichen anzulagern. Eindimensionale Wirkungszusammenhänge können wir definitiv als unwahrscheinlich annehmen. Dass Kinder Gewaltdarstellungen suggestiver Art nicht in ihre Lebenswelt einfügen und sie sie nicht mit in die Bearbeitung ihrer Themen, Ängste und Wünsche einbeziehen, dürfen wir als die verantwortliche Elterngeneration jedoch auch nicht zu unserer Entlastung unterstellen. Wir können sicher sein, dass der kulturelle Prozess, der mediale Inszenierungen der Gewalt zurecht schleift, noch nicht hineichend weit gediehen ist. Es besteht also das Risiko, dass Ego-Shooterspiele doch mit der Phantasie-Welt labiler Kinder und Jugendlicher verschmelzen. Diese kulturelle Anpassung neuer Medienangebote an die Entwicklung der Kinder ist auch eine Bildungsaufgabe.

Aufgaben im Bildungsbereich

Mit der egozentrischen Darstellungsweise der Ego-Shooter verändert sich für die heutige Kinder- und Jugendgeneration etwas in der kulturellen Bilderwelt. Dafür muss sich auch die Schule trotz allen PISA-Leistungsdrucks Zeit nehmen, um die Folgen für Kinder zu erörtern und um mit den Kindern im Unterricht die angemessenen Gesprächs- und Ausdrucksformen zu entwickeln, die helfen, solche Angebote und solche Bilder von sich und der eigenen Erlebniswelt fern und wirkungslos zuhalten. Sollen die Internet-Foren der einzige Ort sein, wo die Fans als Experten der bedenklichen Medienangebote ihre persönlichen Erlebnisse austauschen, wo sie über Grenzübschreitungen phantasieren usw.? Dazu müssen wir Lehrerinnen, Lehrern und den Kindern bzw.Jugendlichen ausreichend viel Unterrichtszeit einräumen. Sind wir trotz Leistungsdrucks bereit, unseren Kindern diese Zeit innerhalb der übervollen Lehrpläne zu geben? Sind wir bereit, wenn es um die knappen Haushaltpläne der Finanzminister geht, uns den Luxus der Medienerziehung und Medienkompetenzförderung in der Lehreraus- und Fortbildung zu leisten. Ich lehre an einer Universität, die in zwei Jahren die Medienpädagogik aus der Lehrerausbildung streichen will, weil dafür nicht mehr die Ressourcen reichen. Das Land Hessen will der Landesmedienanstalt die Mittel aus den Rundfunkgebühren für Medienkompetenzförderung erheblich zurückfahren. Für diesen gesellschaftlichen Geiz in Sachen Medienerziehung und Medienkultivierung ließen sich leider viele Beispiele aufzählen.

Die Zusammenarbeit von Elternhaus und Schule ist dringend nötig, um gerade auch die Kinder der Familien zu erreichen, die keine Kraft, keinen fördernden kulturellen Erfahrungsrahmen oder nicht die Zielsetzung haben, die Überfülle der Medienangebote zu kultivieren. Diese Erziehungs- und Kultivierungsaufgabe lässt sich nicht auf Medienkompetenz-Lehrgänge verlagern. Vielmehr müssen Eltern eingeladen, gewonnen und dort abgeholt werden, wo sie mit ihrem eigenen und möglicherweise verwahrlosten Medienkonsum stehen. Die Väter gilt es zu erreichen! Medienerziehung geschieht im Gespräch zwischen Kindern und ihren Eltern, im Gespräch zwischen Schülern und Lehren, im Gespräch und im Spiel der Kinder untereinander. Sie geschieht in der Auseinandersetzung um Alltagsregeln zum Medienkonsum, in der kontroversen Erörterung von Medienvorlieben und der Formen der Mediennutzung. Hierzu Vorschläge zu machen, Ziele zu diskutieren, Ärger mit den Kindern auszuhalten, Entwicklungen anzustoßen, zu verstärken und zu verstetigen, dazu braucht es Profis, deren Arbeitszeit Geld kostet, das aufzubringen unser Bildungssystem nicht in der Lage ist. Es braucht zudem didaktische Phantasie, die über Medienkompetenzförderung hinausreicht. Dazu gehören didaktische Methoden, die Medienspuren im Leben der Kinder zu entdecken. Und, das darf man in unserem Bildungswesen nicht weiter vergessen, es sind die Jungen, die unsere Verständnis für ihre spezifische Art der Medienkultur brauchen, die als Jungen dort abzuholen und zu unterstützen sind, wo sie stehen. Der Gedanken, dass es besonders die Jungen sind, die sich in einer Art von Medienverwahrlosung ganz wohl fühlen, sollte unsere Bildungsphantasien beflügeln.

Verfügbarkeit für Kinder und Jugendliche: Angebotsregulierung

Bedrückende Ereignisse wie ein amoklaufender junger Mann führen in der öffentlichen Diskussion zum Ruf nach wirksamen und schnellen Lösungen: Zensur, neue Gesetze, Verbote. Sieht man sich jedoch die vorhandene Angebotsregulierung an, dann zeigen sich praktikable, wenn auch komplexe Instrumente, nämlich das Jugendschutzgesetz und der Jugendmedienschutzstaatsvertrag. Das Jugendschutzgesetz reguliert Bücher, Video- und Spielkassetten u.ä.m., der Jugendmedienschutzstaatsvertrag die Privatrundfunk- und die Internetangebote. Mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, der Kommission Jugendmedienschutz und den Selbstkontrolleinrichtungen der Verbände der Medienanbieter ist ein auf Diskurse und Abwägung, aber auch auf Kontrolle und Sanktionen ausgerichtetes Netzwerk entstanden, das mit juristischen Mitteln die Medienanbieter auf die Entwicklungsinteressen der Kinder bzw. Jugendlichen verpflichtet und die Menschenwürde als Maßstab formuliert. Diskurse und Abwägungen verbunden mit Kontrolle und Sanktionen sind angemessen für unsere offene und auf Selbstbestimmung ausgelegte Medienkultur. Sie versprechen jedoch keine einfachen und populistischen Lösungen. Surft man durchs Internet dann fallen wesentliche Erfolge des Jugendmedienschutzes nicht ins Auge, etwa der Erfolg, dass effektive geschlossene Benutzergruppen entstehen. Es gibt zunehmend mehr funktionierende Instrumente, um Angebote, die die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten beeinträchtigen, hinter den Internet-Türen geschlossener Benutzergruppen zu schließen. Diese geschlossenen Benutzergruppen sind unspektakulär und trotzdem mit Blick auf die Kinder und Jugendlichen eine Erfolgsgeschichte der vergangenen drei Jahre seit dem novellierten Jugendmedienschutzstaatvertrag. Zur Zeit laufen heftige Auseinandersetzungen um Jugendschutzfilter, die z.B. die Programmanbieter im Internet verpflichten, Ihre Seiten so zu kennzeichnen, dass das Internet zugänglich bleibt, jedoch entwicklungsbeeinträchtigende Seiten erkennbar werden. Diese Filter müssen in den Erziehungs- und Bildungsalltag von Familien und Schulen passen und dürfen zugleich die freie Rede im Internet nicht zerstören. Die Auseinandersetzung um eine Medienkultur, die Kinder und Jugendliche in ihre Entwicklung zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit ernst nimmt, braucht nicht nur die medienpolitischen und juristischen Instrumente, die Jugendschutzgesetz und Jugendmedienschutzstaatvertrag liefern, sondern zudem die kontinuierliche, auch heftige Auseinandersetzung um neue Medientechnologie, wie sie mit der Verbindung von Handy und Internet gerade entstehen.